Mittwoch, 16. Juli 2014

Kunst in der multimodalen Kinder- und Jugendtherapie

Kunsttherapie – Kunst, als therapeutische Methode

Kunsttherapie in der Praxis für Kinder- und Jugendlichenpsychiatrie und -psychotherapie

Die Kunsttherapie ist ein fester Bestandteil des multimodalen Therapiekonzeptes in unserer Praxis und dafür gibt es viele gute Gründe.
Die Kunsttherapie ermöglicht es uns als TherapeutInnen einen ganz besonderen Zugang zu den Kindern, mit denen wir arbeiten, zu finden. Viele Kinder malen und gestalten von sich aus gerne und haben daher weniger Widerstände gegen künstlerische Therapien als z.B. gegen Gespräche über ihre schulischen oder familiären Probleme oder ihre psychischen Symptome. Wir lernen die Kinder so von ihrer kreativen, verspielten, lebendigen Seite kennen. So sehen wir sie von Anfang an nicht (nur) als psychisch Kranke oder als Menschen die Probleme haben, sondern wir sehen vor allem ihre Stärken und Ressourcen. Wir begegnen ihnen gleich als Menschen, die schon Schönes schaffen können und die darüber hinaus Neues ausprobieren und lernen können.
In der Kunsttherapie geht es nicht darum, gut malen oder töpfern zu können. Es handelt sich um ein ganz freies, spielerisches Gestalten, frei von dem Druck und den Leistungsansprüchen, denen die Kinder an anderen Orten (wie zB in der Schule) ausgesetzt sind. So fühlen die Kinder sich gesehen und fassen leicht Vertrauen in die therapeutische Beziehung. Dieses Vertrauen ermöglicht uns dann später auch an die schwereren Themen heranzugehen – und auch das kann in der Kunsttherapie auf ganz spielerische Art passieren.
In der künstlerischen Arbeit verarbeiten die Kinder ganz von selbst verschiedene Themen, die sie beschäftigen und hinterlassen dabei Spuren, die wir als TherapeutInnen deuten können. Kunst funktioniert als symbolische Sprache, die wir lesen können und die uns einen oftmals viel unmittelbareren Einblick ins emotionale Erleben der Kinder ermöglicht, als das Sprechen. Die symbolische, bildhafte Sprache der Kunst liegt den Kindern oft näher, da sie das Benutzen von Worten noch nicht so gut gelernt haben wie Erwachsene. So gelingt es den Kindern oft eher über das künstlerische Spiel ihr Erleben auszudrücken, als es ihnen über Sprache möglich ist. Besonders wenn es um konfliktbeladene Themen geht, die im wahrsten Sinne des Wortes “die Sprache verschlagen” oder um starke Emotionen, für die die Worte fehlen, kann die Kunst für sie ein guter Weg sein sich auszudrücken und Verständnis zu finden. Ein Stück Stoff kann zur Bedrohung durch Angst werden und ein Pappkarton zum Traum von einem harmonischen Zuhause.
Die Kunst ermöglicht es uns TherapeutInnen den Kindern in genauso symbolhafter, spielerischer Weise zu antworten. Dies können wir dazu nutzen, den Kindern komplizierte Zusammenhänge und Lösungsansätze begreifbar zu machen, die sie in Form von Worten meist noch nicht verstehen könnten. Ein Fallbeispiel vom Kunsttherapeuten Peter Sinapius* verdeutlicht dies sehr anschaulich: er arbeitete mit einem ängstlichen Jungen, dem schwer fiel in Kontakt zu ihm zu treten. Sinapius bat ihm einen Pappkarton als Haus an – ein Schutzraum, in dem der Junge sich in den ersten Sitzungen viel versteckte. In einer späteren Sitzung gelang es Sinapius im Spiel den Pappkarton zu einer Kutsche umzudeuten, mit der der Junge durch die Welt fahren und diese von seinem sicheren, beweglichen Ort aus erkunden konnte.
Wir können die Kinder im künstlerischen Prozess gut kennenlernen, indem wir beobachten, wie sie mit neuen künstlerischen Techniken und Aufgaben umgehen: ob sie zum Beispiel auf Vorschläge von Anderen eingehen oder diese eher ablehnen, ob sie nachfragen und Hilfe suchen, ob sie gesetzte Grenzen akzeptieren können, ob sie sich eher über- oder unterschätzen, ob sie schnell frustriert sind, wenn etwas nicht gleich klappt, wie sie es sich vorstellen. Daraus können wir ableiten, wie die Kinder in ihrem Alltagsleben an ungewohnte oder schwierige Situationen herangehen und wo mögliche Ursachen für Konflikte in ihrem Alltag sein könnten.
In der Kunst können die Kinder lernen, dass man gute Erfahrungen damit machen kann, sich auch einmal ganz anders zu verhalten als gewohnt. “Auf dem Papier kann nichts Schlimmes passieren”, sage ich oft: Das Papier ist ein Raum, auf dem die Kinder es auch einmal ganz anders machen können als gewohnt, ohne dass sie Angst haben müssen, dass es schwere Konsequenzen nach sich ziehen könnte. In der Kunst schaffen wir ihnen so einen Raum, in dem sie neue Strategien für den Umgang mit belastenden Situationen ausprobieren, erleben und spielerisch erlernen können.
Kunsttherapie
Nicht nur in Einzeltherapien können wir kunsttherapeutisch arbeiten, sondern auch in Gruppen. Das gemeinsame Malen und Gestalten bietet auch Kindern, die Probleme im Sozialverhalten haben, einen guten Anreiz sich der schwierigen Situation Gruppe freiwillig und gerne immer wieder auszusetzen. Im Prozess des gemeinsamen Gestaltens können wir TherapeutInnen das Sozialverhalten der Kinder kennenlernen und therapeutisch intervenieren.
Die Kunsttherapie ist zudem auch für die Familientherapie geeignet: In Geschwisterterminen können wir beispielsweise beobachten, wie rivalisierende Geschwister miteinander kommunizieren und ihnen auf spielerische Art einen anderen Umgang miteinander nahebringen. In kunsttherapeutischen Eltern-Kind-Sitzungen können wir die Interaktion in Familien kennenlernen und Quellen von Missverständnissen und Konflikten aufzeigen. Beim gemeinsamen Schaffen lernen die Beteiligten sich auch oftmals von einer ungewohnten, neuen Seite kennen, die die familiären Beziehungen auf eine freudevolle Art bereichern und Lust machen kann auf mehr gemeinsames spielerisch-kreatives Schaffen.
Die Kunsttherapie ist somit weit mehr als “ein bisschen was malen” – sie ist eine vielseitig einsetzbare Form der Therapie und eine ernstzunehmende Alternative zur Gesprächstherapie, die viel Spaß macht und daher für Kinder besonders gut geeignet ist.
Artikel: Anja Neuber, Kunsttherapeutin

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