Donnerstag, 29. Januar 2015

Suizidgedanken von Kindern und Jugendlichen

Suizidgedanke(1)

Alltagsprobleme, die sich anstauen
Jeder von uns kennt das Gefühl, wenn man abends im Bett liegt und völlig genervt oder erschöpft vom Tag ist. Dabei kann viel passiert sein: eine misslungene Klassenarbeit oder ein heftiger Streit mit der besten Freundin, vielleicht hat der Vater ein großes Drama daraus gemacht, dass man vergessen hat, den Müll hinunterzubringen, oder die Lehrerin hatte einen mal wieder auf dem Kieker, der Freund hat Schluss gemacht oder die Eltern streiten sich schon seit Stunden und schreien sich an. Diese und andere Ereignisse können einen seelisch mehr oder weniger stark belasten.
Oftmals sieht die Welt am nächsten Morgen dann schon wieder anders aus. Die Probleme und Sorgen sind vielleicht noch da, einige Konflikte noch ungeklärt, doch sie wirken viel kleiner und weniger bedrohlich als am Vorabend.
Doch was ist, wenn der Schlaf die Dinge nicht wieder in die richtige Perspektive gebracht hat, wenn Belastungen sich türmen und irgendwann kein Ausweg mehr in Sicht ist? Vielleicht geht es dir auch manchmal so?

Wenn deine Seele zu stark belastet ist

Es kann sein, dass du dich schon am Morgen wie erschlagen fühlst. Vielleicht bist du vor lauter Grübeleien schlecht eingeschlafen, wurdest oft wach oder hast insgesamt unruhig geschlafen und wurdest von Alpträumen geplagt. Dein Körper konnte sich nach solch einer Nacht wenig erholen und das Erlebte nicht so gut verarbeiten. Dementsprechend schlecht gelaunt startest du in den nächsten Tag und hast wenig Kraft, dich den neuen oder auch alten Herausforderungen im Alltag zu stellen.
Über einen längeren Zeitraum (Wochen, Monate, aber auch Jahre) kann sich seelischer Druck stark potenzieren, so dass bereits kleine Konflikte schwer zu ertragen sind oder scheinbare Kleinigkeiten einen tiefen Schmerz verursachen. Dein Körper ist mit der Zeit erschöpft und antriebslos, die Nächte werden immer unangenehmer und du reagierst schnell gereizt oder genervt. Dein Umfeld erlebt dich vielleicht sogar als aggressiv.
Vielleicht ziehst du dich aber auch eher zurück und versuchst mit deinen Gefühlen allein zurecht zu kommen. Du verlierst zunehmend das Vertrauen zu deinen Freunden, deiner Familie oder gar dir selbst. Möglicherweise willst du andere mit deinen Sorgen nicht belasten und behältst deshalb alles für dich.
Auch Ängste können deiner Seele zu schaffen machen, vielleicht hast du etwas sehr schlimmes erlebt, das du noch nicht richtig verarbeiten konntest.
Tiefpunkt der Krise: Suizid erscheint als Ausweg
Bist du mit diesen oder ähnlichen Gefühlen und Gedanken allein gelassen, fühlt sich die Situation im schlimmsten Fall irgendwann auswegslos an. Die Aggressionen können sich mit der Zeit nach Innen richten, vor allem wenn du keinem deine Sorgen anvertrauen kannst, und du überlegst vielleicht, dir etwas anzutun. Sich das eigene Leben nehmen zu wollen, ist immer erst die Spitze nach einer langen Anhäufung von Problemen und Konflikten.
Auch wenn andere es nicht ernst nehmen, deine Situation für sie nicht so schlimm erscheint, für dich fühlt es sich auswegslos an und dafür musst du dich nicht schämen. Leider macht das Unverständnis von anderen die Sache häufig noch schlimmer. Doch es geht hier um dich und deine Gefühle und diese sind absolut ernst zu nehmen. Du musst mit deinen Sorgen und deiner Verzweiflung nicht alleine zurecht kommen und das bedeutet, dass man dir helfen kann.

Was du tun kannst, um deine Seele zu entlasten

Wenn es zu solchen Gedanken kommt, aber auch schon vorher, ist es sehr wichtig, dass du mit deinen seelischen Lasten nicht alleine bleibst. Findest du nicht die Kraft, mit Freunden oder deiner Familie darüber zu sprechen, oder kannst du dich aus anderen Gründen niemandem anvertrauen, den du kennst, ist es sehr wichtig, dir professionelle Hilfe zu suchen.
Ein erster Schritt kann ein anonymes Telefonat oder persönliches Gespräch bei einer Krisen- oder Beratungsstelle sein. Hier findest du konkrete und schnelle Hilfe. Schon im ersten Gespräch können Fachleute dir helfen, in der akuten Krise deine Gefühle langsam wieder zu ordnen, einen Plan zu machen, wie es weitergehen kann und etwas später vielleicht eine Psychotherapie zu beginnen. Im akuten Notfall kannst du dich zu jeder Tages- und Nachtzeit auch an ein Krankenhaus wenden.
Was in einer Psychotherapie passiert
In der therapeutischen Arbeit, wie sie auch unsere Praxis anbietet, geht es vor allem darum, dich zu stabilisieren, bei Bedarf auch mit speziellen Medikamenten, die dir ein spezialisierter Arzt (Psychiater) verschreibt und dessen Wirkung überwacht. Des Weiteren können dir die entlastenden Gespräche dabei helfen, wieder Vertrauen in deine eigene Person, aber auch in andere zu finden, um dann nach und nach an den Problemen zu arbeiten, die zu dem ganzen seelischen Chaos geführt haben.
Dabei entwickelst du gemeinsam mit deinem Therapeuten neue Strategien oder stärkst deine bereits erlernten konstruktiven Handlungsmuster, um mit neuen Krisen besser umgehen zu können.

Was ist mit der Familie?

Bei Bedarf kann es auch wichtig und sinnvoll sein, früher oder später zum Beispiel deine Eltern oder andere enge Vertrauenspersonen mit einzubeziehen. Auch für sie ist es wichtig, zu erfahren, dass du in eine so tiefe Krise geraten bist und im besten Falle können sie begleitend zur Therapie mithelfen, deine Situation zu verbessern.
So wirst du vielleicht besser verstanden und es kann von mehreren Seiten an bestimmten Konflikten gearbeitet und Missverständnisse können schneller beseitigt werden.
Dein wichtigster Schritt ist zunächst aber, dass du mit jemandem darüber sprichst, um aus deinen eigenen Gedankenkreisen herauszukommen. Du musst deine seelischen Belastungen nicht allein tragen.
Die Verfasserin des Artikels arbeitet in einer Kinder- und Jugendpsychotherapeutischen Praxis.

Samstag, 20. September 2014

Multimodale Kindertherapie bei Zwangsstörungen

Wenn Zwänge den Alltag bestimmen..

Zwangsstörungen

Wenn Zwänge den Alltag bestimmen
„Habe ich den Herd auch wirklich ausgeschalten?“
„Ist die Tür tatsächlich abgeschlossen?“
– die meisten Menschen kennen solche Gedanken. Vielleicht kontrollieren sie dann auch noch einmal, ob der Herd tatsächlich ausgeschalten oder die Tür wirklich abgeschlossen ist. Oder sie haben sogar kleine Rituale entwickelt und schließen beispielsweise jedes Mal beim Verlassen der Wohnung die Tür zwei Mal ab.
Erlebt eine Person jedoch über einen längeren Zeitraum hinweg einen starken inneren Zwang, ganz bestimmte Gedanken immer wieder zu denken beziehungsweise bestimmte Handlungen immer wieder zu tun, so spricht man von einer Zwangserkrankung.
Zwangsgedanken sind Gedanken und Vorstellungen, die sich immer wieder aufdrängen und dabei als störend und belastend empfunden werden. Dabei ist es wiederum so, dass fast jeder Mensch solche unwillkürlichen Gedanken und Vorstellungen erlebt (Wenn ich Sie beispielsweise auffordere „Denken Sie nun auf keinen Fall an einen rosa Elefanten“, so werden Sie wahrscheinlich genau jetzt den Gedanken an einen rosa Elefanten haben) – Menschen mit einer Zwangserkrankung bewerten diese Gedanken und Vorstellungen jedoch anders, finden sie beispielsweise besonders schlimm und versuchen, sie zu unterdrücken. Dadurch wird den Gedanken jedoch mehr Bedeutung zugemessen, sie nehmen zu und es entsteht ein Teufelskreis.
Zwangshandlungen sind oft ritualartige, sich wiederholende Handlungen. Meistens werden Zwangshandlungen von Zwangsgedanken begleitet. Genauso wie die Zwangsgedanken werden auch die Zwangshandlungen als unsinnig oder zumindest übertrieben erlebt, aber gleichzeitig kann man sie auch nicht loswerden: Der Zwangsgedanke drängt sich gegen den eigenen Willen auf und löst Angst oder starkes Unwohlsein aus, was dann wiederum so quälend ist, dass oftmals die Zwangshandlung als Reaktion darauf ausgeführt wird, um die Anspannung wieder zu neutralisieren. Erst so kann wieder Erleichterung und das Gefühl von Sicherheit geschaffen werden. Die Zwänge werden so als übermächtig angesehen und bestimmen den Alltag.
Fallbeispiel:
Die 8-jährige Maria muss jeden Tag nach der Schule das gleiche Waschritual ausüben. Dabei ist sie über eine Stunde im Bad und wäscht sich nach einer festgelegten Ordnung. Danach muss ihre Mutter ihr versichern, dass nichts mehr an ihr schmutzig sei. Die Familie leidet darunter, da dieses Ritual auch das Familienleben stark einschränkt und Maria einen sehr hohen Verbrauch an Wasser und Seife hat. Dahinter steht Marias große Angst, sie könnte Keime und Schmutz aus der Schule mitbringen und sich und ihre Familie anstecken. Die Zwangshandlung Waschen wird also ausgeführt, um die Zwangsgedanken und dahinter stehenden Ängste zu beruhigen Im Verlauf einer Therapie konnte herausgefunden werden, dass Maria nach dem Tod ihrer Großmutter unter den Ängsten leidet, ihre Familie zu verlieren. Da sie sich in Bezug auf diese Ängste hilflos fühlte, entwickelte sich die Zwangserkrankung als Versuch, die Problematik auf eine andere Ebene zu verschieben, auf der Maria eine Lösung eher möglich scheint. Gleichzeitig schränken die Zwänge sie mehr und mehr in ihrem Denken und Handeln ein.
Zwangserkrankungen gehören zu den häufigeren Störungen in Deutschland und oft treten Zwangsgedanken und/oder Zwangshandlungen erstmals im Kindesalter auf. Oft führt die Störung zu einer starken Beeinträchtigung der betroffenen Kinder und Jugendlichen (beispielsweise auch durch einen sozialen Rückzug oder Verschlechterungen der schulischen Leistungen) und auch ihre Familien leiden sehr darunter. Da die Zwänge das Leben der Kinder und Jugendlichen teilweise sehr stark beherrschen, können sie sogar aggressives Verhalten zeigen, wenn die Zwänge nicht ausgeführt werden können. Allerdings dauert es häufig mehrere Jahre, bis professionelle Unterstützung gesucht und in Anspruch genommen wird, da die Zwänge oft sehr schambehaftet sind (die Betroffenen und ihre Familien haben oftmals die Befürchtung, dass die Zwänge von Außenstehenden als total unnachvollziehbar und verrückt empfunden werden) und versteckt werden. Durch eine Psychotherapie gibt es jedoch gute Chancen, eine Zwangserkrankung wieder in den Griff zu bekommen – und je früher damit begonnen wird, desto besser.
Die Autorin Lena Hasenmaile ist Erziehungswissenschaftlerin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin i. A.
Quelle: Simons, M.: `Zwangsstörung´ in: Schneider S. u. Margraf J. (Hrsg): `Lehrbuch der Verhaltenstherapie. Band 3: Störungen im Kindes- und Jugendalter´, Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2009.


Multimodale Therapie von Depressionen


Depressionen bei Kindern und Jugendlichen

Fallschirm

Depressionen bei Kindern und Jugendlichen..

Gibt es so was überhaupt?
Und wie äußert sich das?
Bis vor einigen Jahrzehnten waren Depressionen besonders bei Kindern noch gar nicht „offiziell vorhanden“, man ging davon aus, dass Kinder nicht depressiv sein können… Aber warum eigentlich? Weil sie nicht genug Lebenserfahrung haben? Weil sie sich noch gar nicht so „einen Kopf machen“ können wie die Erwachsenen? Weil sie etwa keine lang anhaltende Traurigkeit empfinden können? Weil sie nicht „grübeln“ können? Das alle sind Fragen, die mir als Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche durch den Kopf gehen, wenn ich Kinder (und auch Jugendliche) erlebe, die ein ganz verschwommenes und wenig greifbares Problemverhalten zeigen… und eben Probleme haben, ihre ganze „miese Stimmung“ und alles was damit zusammenhängt, in Worte zu fassen.
Und da liegt die Besonderheit: Depressionen zeigen sich bei Kindern in ganz anderer Form als bei Erwachsenen oder auch Jugendlichen. Es ist oft nicht dieses typische Grübeln oder Sich-Um-Alles-Gedanken machen, die typische Traurigkeit, die wir bei Erwachsenen manchmal schon am Gesichtsausdruck und der Körperhaltung erkennen. Kinder zeigen eher untypisches Verhalten. Sie sind zum Beispiel reizbar, haben körperliche Beschwerden, sind aggressiv, zeigen Stimmungsschwankungen oder Konzentrationsprobleme oder sind plötzlich sehr trennungsängstlich und ziehen sich zurück, haben keine Lust mehr an körperlichen Aktivitäten. Auch Schlafstörungen und Essstörungen bis hin zu Gewichtsverlust oder –zunahme kommen vor.
Jugendliche neigen eher zu negativen Zukunftserwartungen und geringem Selbstvertrauen, haben das Gefühl, alles ist hoffnungslos und sinnlos, sind häufig müde, entwickeln vielleicht Ängste, Leistungsstörungen, Selbstmordgedanken oder greifen zu Alkohol und Drogen. Gerade Jugendliche können im Rahmen einer Depression oft aggressives Verhalten, Ruhelosigkeit und schlechte Laune oder sogar dissoziales Verhalten entwickeln… da denkt man als Eltern oder Lehrer erst mal nicht: „Der/Die leidet bestimmt an einer Depression.“
Deshalb ist es meiner Meinung nach umso wichtiger, dass man offen bleibt für die Gedanken und Gefühle, die sich hinter einer kindlichen, „bockigen“ Fassade oder einem jugendlichen „Starrsinn“ mit plötzlichem Problemverhalten verstecken. Offen sein heißt aber auch, hartnäckig und trotzdem geduldig dranzubleiben… und Abweisung einzustecken.
„Depression ist kein Zeichen persönlichen Versagens, mit schwierigen Lebensumständen umzugehen, sondern eine Erkrankung. Ein depressives Kind ist nicht faul, aggressiv oder unerträglich, weil es so sein will. Ein depressives Kind ist krank und braucht Hilfe. Ein depressives Kind ist auch kein Grund, an den elterlichen Fähigkeiten zu zweifeln, aber es ist ein Grund, fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.“
Zu guter letzt bleibt natürlich die Frage: Was ist denn überhaupt normal in dem Alter? Was gehört besonders zur Pubertät dazu und vergeht im Laufe der Monate und Jahre von selbst? Nicht jede/r Jugendliche, der/die verschlossen, gereizt, grüblerisch oder gelangweilt wirkt ist gleich depressiv. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen normaler und depressiver Entwicklung, weshalb eine eindeutige rechtzeitige Diagnose häufig versäumt wird und zu spät angemessen behandelt wird.
Es gibt übrigens sehr unterschiedliche Studienergebnisse zur Häufigkeit von Depressionen im Kindes- und Jugendalter. Die Auftretenswahrscheinlichkeit liegt bei Schulkindern bei 1-3%, bei Jugendlichen bei 3-5%, wobei hier (wie im Erwachsenenalter) Mädchen/Frauen deutlich häufiger betroffen sind. 5-10% der Erwachsenen sind in Deutschland von Depression betroffen.
Die Artikelautorin Inken Kölle-Bork, ist approbierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin.
Quelle: http://www.buendnis-depression.de/depression/kinder-und-jugendliche.php


Mittwoch, 16. Juli 2014

Kunst in der multimodalen Kinder- und Jugendtherapie

Kunsttherapie – Kunst, als therapeutische Methode

Kunsttherapie in der Praxis für Kinder- und Jugendlichenpsychiatrie und -psychotherapie

Die Kunsttherapie ist ein fester Bestandteil des multimodalen Therapiekonzeptes in unserer Praxis und dafür gibt es viele gute Gründe.
Die Kunsttherapie ermöglicht es uns als TherapeutInnen einen ganz besonderen Zugang zu den Kindern, mit denen wir arbeiten, zu finden. Viele Kinder malen und gestalten von sich aus gerne und haben daher weniger Widerstände gegen künstlerische Therapien als z.B. gegen Gespräche über ihre schulischen oder familiären Probleme oder ihre psychischen Symptome. Wir lernen die Kinder so von ihrer kreativen, verspielten, lebendigen Seite kennen. So sehen wir sie von Anfang an nicht (nur) als psychisch Kranke oder als Menschen die Probleme haben, sondern wir sehen vor allem ihre Stärken und Ressourcen. Wir begegnen ihnen gleich als Menschen, die schon Schönes schaffen können und die darüber hinaus Neues ausprobieren und lernen können.
In der Kunsttherapie geht es nicht darum, gut malen oder töpfern zu können. Es handelt sich um ein ganz freies, spielerisches Gestalten, frei von dem Druck und den Leistungsansprüchen, denen die Kinder an anderen Orten (wie zB in der Schule) ausgesetzt sind. So fühlen die Kinder sich gesehen und fassen leicht Vertrauen in die therapeutische Beziehung. Dieses Vertrauen ermöglicht uns dann später auch an die schwereren Themen heranzugehen – und auch das kann in der Kunsttherapie auf ganz spielerische Art passieren.
In der künstlerischen Arbeit verarbeiten die Kinder ganz von selbst verschiedene Themen, die sie beschäftigen und hinterlassen dabei Spuren, die wir als TherapeutInnen deuten können. Kunst funktioniert als symbolische Sprache, die wir lesen können und die uns einen oftmals viel unmittelbareren Einblick ins emotionale Erleben der Kinder ermöglicht, als das Sprechen. Die symbolische, bildhafte Sprache der Kunst liegt den Kindern oft näher, da sie das Benutzen von Worten noch nicht so gut gelernt haben wie Erwachsene. So gelingt es den Kindern oft eher über das künstlerische Spiel ihr Erleben auszudrücken, als es ihnen über Sprache möglich ist. Besonders wenn es um konfliktbeladene Themen geht, die im wahrsten Sinne des Wortes “die Sprache verschlagen” oder um starke Emotionen, für die die Worte fehlen, kann die Kunst für sie ein guter Weg sein sich auszudrücken und Verständnis zu finden. Ein Stück Stoff kann zur Bedrohung durch Angst werden und ein Pappkarton zum Traum von einem harmonischen Zuhause.
Die Kunst ermöglicht es uns TherapeutInnen den Kindern in genauso symbolhafter, spielerischer Weise zu antworten. Dies können wir dazu nutzen, den Kindern komplizierte Zusammenhänge und Lösungsansätze begreifbar zu machen, die sie in Form von Worten meist noch nicht verstehen könnten. Ein Fallbeispiel vom Kunsttherapeuten Peter Sinapius* verdeutlicht dies sehr anschaulich: er arbeitete mit einem ängstlichen Jungen, dem schwer fiel in Kontakt zu ihm zu treten. Sinapius bat ihm einen Pappkarton als Haus an – ein Schutzraum, in dem der Junge sich in den ersten Sitzungen viel versteckte. In einer späteren Sitzung gelang es Sinapius im Spiel den Pappkarton zu einer Kutsche umzudeuten, mit der der Junge durch die Welt fahren und diese von seinem sicheren, beweglichen Ort aus erkunden konnte.
Wir können die Kinder im künstlerischen Prozess gut kennenlernen, indem wir beobachten, wie sie mit neuen künstlerischen Techniken und Aufgaben umgehen: ob sie zum Beispiel auf Vorschläge von Anderen eingehen oder diese eher ablehnen, ob sie nachfragen und Hilfe suchen, ob sie gesetzte Grenzen akzeptieren können, ob sie sich eher über- oder unterschätzen, ob sie schnell frustriert sind, wenn etwas nicht gleich klappt, wie sie es sich vorstellen. Daraus können wir ableiten, wie die Kinder in ihrem Alltagsleben an ungewohnte oder schwierige Situationen herangehen und wo mögliche Ursachen für Konflikte in ihrem Alltag sein könnten.
In der Kunst können die Kinder lernen, dass man gute Erfahrungen damit machen kann, sich auch einmal ganz anders zu verhalten als gewohnt. “Auf dem Papier kann nichts Schlimmes passieren”, sage ich oft: Das Papier ist ein Raum, auf dem die Kinder es auch einmal ganz anders machen können als gewohnt, ohne dass sie Angst haben müssen, dass es schwere Konsequenzen nach sich ziehen könnte. In der Kunst schaffen wir ihnen so einen Raum, in dem sie neue Strategien für den Umgang mit belastenden Situationen ausprobieren, erleben und spielerisch erlernen können.
Kunsttherapie
Nicht nur in Einzeltherapien können wir kunsttherapeutisch arbeiten, sondern auch in Gruppen. Das gemeinsame Malen und Gestalten bietet auch Kindern, die Probleme im Sozialverhalten haben, einen guten Anreiz sich der schwierigen Situation Gruppe freiwillig und gerne immer wieder auszusetzen. Im Prozess des gemeinsamen Gestaltens können wir TherapeutInnen das Sozialverhalten der Kinder kennenlernen und therapeutisch intervenieren.
Die Kunsttherapie ist zudem auch für die Familientherapie geeignet: In Geschwisterterminen können wir beispielsweise beobachten, wie rivalisierende Geschwister miteinander kommunizieren und ihnen auf spielerische Art einen anderen Umgang miteinander nahebringen. In kunsttherapeutischen Eltern-Kind-Sitzungen können wir die Interaktion in Familien kennenlernen und Quellen von Missverständnissen und Konflikten aufzeigen. Beim gemeinsamen Schaffen lernen die Beteiligten sich auch oftmals von einer ungewohnten, neuen Seite kennen, die die familiären Beziehungen auf eine freudevolle Art bereichern und Lust machen kann auf mehr gemeinsames spielerisch-kreatives Schaffen.
Die Kunsttherapie ist somit weit mehr als “ein bisschen was malen” – sie ist eine vielseitig einsetzbare Form der Therapie und eine ernstzunehmende Alternative zur Gesprächstherapie, die viel Spaß macht und daher für Kinder besonders gut geeignet ist.
Artikel: Anja Neuber, Kunsttherapeutin

Samstag, 28. Juni 2014

Schematherapie als Blogthema auf privatpraxis-herzberge.de


Schematherapie – ein integrativer Ansatz führt Therapietechniken zusammen (Fortsetzung)

Im ersten Blog wurde beschrieben, dass die Schematherapie versucht, verhaltenstherapeutische, psychodynamische und andere effektive Therapieansätze zu integrieren.
Die Beziehungserfahrungen der frühen Kindheit können das ganze weitere Leben des Menschen prägen (Bindungsforschung). Die neurobiologische Forschung liefert zudem Nachweise, dass das menschliche Handeln mehr von Emotionen (Gefühlen) als von Kognitionen (Verstand) gesteuert wird. Der amerikanische Hirnforscher LeDoux konnte aufzeigen, dass sich diese Erlebnisse und Erfahrungen direkt im Aufbau des Gehirns widerspiegeln bzw. “einbrennen”.
Aus diesem Grund betont Jeffrey Young, dass es im Rahmen einer Schematherapie wichtig ist, verhalthenstherapeutische Techniken so zu erweitern, dass emotionale Erlebnisse stärker aktiviert werden, um die im Gehirn “eingebrannten” Inhalte besser verändern zu können.
Im Mittelpunkt der Schematherapie liegt u.a. die gute und vertrauensvolle therapeutische Beziehung zwischen dem Patienten und dem Therapeuten. Im therapeutischen Setting soll eine ähnlich gute Beziehungsqualität hergestellt werden wie zwischen guten Eltern und ihrem Kind. Es konnte neurobiologisch nachgewiesen werden, dass im Rahmen dieser Beziehungsgestaltung die gleichen Nervenstrukturen wieder aktiviert werden können, die in früher Kindheit angelegt wurden.
Der Therapeut bemüht sich folglich die aktivierten Strukturen positiv zu beeinflussen und zu verändern. J. Young spricht von “Nachbeelterung” bzw. “begrenzte elterliche Fürsorge” (siehe E. Roediger; Raus aus den Lebensfallen).
Die Autorin dieses Artikels, Judith Asfaha-Ebber, ist approbierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin.